Off Topic: Betreuungsgeld

Dass die Geschichtenerzählerin das noch erleben darf: sie verteidigt Frau Haderthauer, ihres Zeichens Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. In dieser Funktion ist Frau Haderthauer auch die Speerspitze ihrer Partei, wenn es um die Durchsetzung des Betreuungsgeldes geht. Geradezu unfassbar ist wieder einmal die beinahe ideologische Kriegsführung bei der Auseinandersetzung um die sogenannte Herdprämie. Um jegliche sachliche Diskussion im Keim zu ersticken, werden gerne gesellschaftliche Minderheiten für die Beweisführung eingesetzt.

Tanja Stelzer kommentiert in der ZEIT: In vielen Fällen wird es so sein, dass eine Hartz-IV-Familie, die das Betreuungsgeld wählt, einfach nur rechnen kann, auch wenn andere ihr das nicht zutrauen. 150 Euro pro Monat – das ist ein Angebot, das Eltern, die auf jeden Euro schauen müssen, oft nicht ablehnen können. Auch, wenn es keine gesicherten Quellen gibt, hätte eine kurze Recherche in ihrem eigenen Blatt genügt, um dieses Argument zu hinterfragen. Laut einem Mitte März erschienenen Bericht in der ZEIT sollen Hartz-IV-Empfänger vom Betreuungsgeld ausgeschlossen werden, um Kosten zu sparen.

Muss also die zweite Randgruppe als Gegenargument für Frau Stelzer herhalten: die wohlhabenden Akademiker, die es sich leisten können, ihre Kinder daheim zu behalten. Die Geschichtenerzählerin hat jetzt grade keine Lust, zu recherchieren, wie hoch der aufsummierte Anteil von wohlhabenden Akademiker- plus Hartz-IV-Eltern an der Gesamtzahl der potenziell Betroffenen ist, wagt sich aber mit der Schätzung aus der Deckung, dass es nicht die Mehrheit ist.

Der Focus zitiert eine ungenannt bleibende CDU-Politikerin mit ähnlichen Worten: Ich freu’ mich schon darauf: Demnächst darf ich erklären, dass die Anwältin und Zahnarztgattin mit Au-pair-Mädchen ein Betreuungsgeld bekommt“, sagte sie sarkastisch „Die alleinerziehende Geschiedene, die selbst für ihren Unterhalt sorgen will und deshalb ihr Kind in die Krippe geben muss, aber geht leer aus. Aha! Wieder die gierige Akademikergattin. Dass die geringverdienende Alleinerziehende in der Regel Teile der Kosten, oft sogar den gesamten finanziellen Aufwand für die Kita vom Jugendamt erstattet bekommt, fällt dann halt mal so eben unter den Tisch.

Man wirft Herrn Seehofer ja gerne vor, er würde mit diesem Vorschlag seine Stammklientel versöhnen wollen. Das Betreuungsgeld sei ein Rückschritt in alte Zeiten, man wolle das traditionelle Familienbild der Frau am Herd mit aller Gewalt erhalten, das Betreuungsgeld würde Frauen davon abhalten, wieder in ihren Beruf zurückzukehren und außerdem sei es wichtig für Kinder in die Krippe zu gehen, weil dort ihr Sozialverhalten geschult werde.

Die Geschichtenerzählerin hat nach der Geburt ihrer beiden Kinder jeweils nach gut zwölf Monaten wieder Vollzeit gearbeitet und ist als alleinerziehende Akademikerin darüber hinaus frei von jeglichem Verdacht ideologischer Meinungsmache. Sie bezieht daher ganz klar Stellung: ein einjähriges Kind braucht keine ständigen Gruppenerlebnisse, sondern möglichst viel Ruhe und eine vertraute Umgebung. Sie hat selbst ihre Kinder aus diesem Grund nicht in eine Kita gegeben, sondern durch Tagesmütter, Au-Pair-Mädchen, Großeltern und im Notfall auch einmal gute Freundinnen betreuen lassen. Und sie wehrt sich dagegen, Mütter, die die ersten drei Jahre zu Hause bleiben möchten, an den Pranger zu stellen.

Liest man sich Frau Haderthauers Infoblatt zum Betreuungsgeld durch, steht da übrigens – wie gerne kolportiert – nichts davon, dass nur Eltern unterstützt werden sollen, die ihre Kinder zu Hause betreuen, sondern: Das Betreuungsgeld ist eine Leistung, die Elternverantwortung und Wahlfreiheit stützt und stärkt. Es unterstützt junge Eltern dabei, den für sie und ihr Kind individuell passenden Familienentwurf zu leben. Es ist für die vollzeitbeschäftigte Führungskraft, die für ihr Einjähriges eine Kinderfrau engagiert, genauso gedacht, wie für die Krankenschwester, die zu ungünstigen Zeiten arbeitet und sich auf eine Tagesmutter verlässt, wie für den Hausmann, der sein Kleinkind selber betreuen will oder die Doppelverdiener, die die Großeltern einspannen!

Fakt ist, Mann und Frau müssen es sich erst einmal leisten können, mit einem Kleinkind Vollzeit zu arbeiten – ebenso wie nicht zu arbeiten. Da sind 100 oder auch 150 € Zuschuss durchaus hilfreich. Eine Tagesmutter kostet zwischen 5 und 8 € pro Stunde, ein Au-Pair-Mädchen zwischen 500 und 600 € pro Monat plus die Kosten für das Zimmer. Schichtarbeit und Samstagsarbeit sind mit der bloßen Betreuung in einer Kita oder einem Kindergarten nicht möglich. Übrigens hat sich laut einem Focus-Bericht auch die OECD zu Wort gemeldet: Frauen in Deutschland arbeiten überdurchschnittlich oft in Teilzeitbeschäftigung und weisen eines der höchsten Lohngefälle gegenüber männlichen Beschäftigten auf“, sagte der Deutschland-Experte der Industriestaaten-Organisation, Andreas Wörgötter, am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. „Das Kinderbetreuungsgeld verstärkt Anreize in diese Richtung und verringert die Möglichkeiten der Kinder, hochwertige Betreuungseinrichtungen mit kindgerechten Förderungen in Anspruch zu nehmen.

Widerspruch! Das Lohngefälle entsteht doch vor allem dadurch, dass Mütter sich mit niedriger qualifizierten Jobs zufriedengeben, weil sie die Kinderbetreuung mit öffentlichen Einrichtungen nicht organisiert bekommen. Wer gerade erst auf der Karriereleiter nach oben klettert, und damit noch nicht wirklich zu den Wohlhabenden im Lande zählt, der kann nur in den seltensten Fällen um 16.30 Uhr Feierabend machen, um sein Kind aus der Krippe oder dem Kindergarten abzuholen. Längere Öffnungszeiten würden es zulassen, dass ein Kind 10 Stunden in der Kita bleiben kann. Nach Meinung der Geschichtenerzählerin ein absolutes No-Go.

Ihr ist auch die Motivation der CSU bei der Einführung des Betreuungsgeldes auf gut Bayerisch völlig wurscht. Ob das jetzt eine Attacke auf die Kitas als vermeintliches Lieblingskind der Linken ist, oder ein Zugeständnis an die traditionellen Stammwähler, die sowieso nie die Roten wählen würden, wichtig ist doch, was am Ende rauskommt. Dr. Dorothee Ritz, Mitglied der Geschäftsleitung bei microsoft Deutschland und Mutter von zwei Kindern, hat in einem anderen Zusammenhang einen wichtigen Satz gesagt: Aber noch viel wesentlicher als eine Quote ist es, dass man ein Umfeld schafft, in dem Frauen erfolgreich sein können. Weder das einseitige Hochloben der Kitas noch das Verteufeln lösen das Problem der (in den meisten Fällen immer noch) Mütter. Flexibilität ist auch bei der Kinderbetreuung das Zauberwort.

Kurz und schlecht: die Diskussion wird am eigentlichen Problem vorbeigeführt. Eines würde die Geschichtenerzählerin übrigens schon mal interessieren. Hatte eine der Promimütter und Berufspolitikerinnen, die sich so lautstark zugunsten der Kitas äußern, selbst jemals ein Kind dort?  Und als letztes noch ein Schlusswort an Frau Haderthauer: Auch Mütter, die ihre Kinder in die Krippe geben, sind gute Mütter, daher bitte gleiches Recht für alle und nochmal zur Erinnerung: Das Betreuungsgeld ist eine Leistung, die Elternverantwortung und Wahlfreiheit stützt und stärkt.

Picture credit: rocknroli

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