Gute Nacht Deutschland

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Haben Sie schon mal den Passagierschein A 38 gefunden?
Der Antagonismus zwischen Kundenorientierung und
öffentlichem Dienst scheint eine unendliche Geschichte zu sein.

Ich habe lange gewartet, bis ich diese Headline endlich einsetzen konnte. Dabei geht Deutschland gar nicht unter, ebenso wenig wie das Abendland. Aber irgendwie passt sie zum Beamten-Bashing. Eigentlich (mein persönliches Unwort) bin ich ja gegen Verallgemeinerungen aller Art, bin sogar mit Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst befreundet. Und jetzt folgt zwangsläufig das Aber: Kennen Sie irgendeinen Menschen, der irgendetwas Nettes über die Arbeitsagentur zu sagen hat? Eben.

Vor diesem Post habe ich natürlich erst mal auf der Internetseite der Arbeitsagentur recherchiert. Wenn die es gewagt hätten, irgendwas über Kundenorientierung oder Servicequalität zu schreiben, hätte ich ihnen das hier aber um die Ohren gehauen. An meinem Konjunktiv merken Sie schon, dass das Thema auch auf den zweiten und dritten Blick nicht zu finden war. Nicht mal ansatzweise. Wissen die am Ende gar, warum? Nee, halt, beschweren kann man sich. Auf einem Formular. Wenn man der Meinung ist, das würde was bringen. Eben.

Also habe ich halt wieder mal die gute alte Wikipedia bemüht: Das seit dem 1. Januar 2004 in Kraft getretene „Dritte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ (Hartz-III) brachte einige strukturelle Änderungen innerhalb der BA, welche sie von einer konventionellen Behörde in eine effektive und kundenorientierte Agentur umbauen soll.

Ah ja, effektiv und kundenorientiert also. Ob die das auch ihren Mitarbeitern schon mitgeteilt haben? Seit der Reform im Jahre 2004 sind ja erst 7 Jahre vergangen. Und die Mühlen der Bürokratie mahlen ja … bevor ich mich jetzt in Klischees verrenne, kommt endlich die Geschichte zur guten Nacht von heute.

Es war einmal ein junger Mann, der frisch aus der Bundeswehr entlassen, zur Arbeitsagentur in A marschierte, um sich arbeitssuchend zu melden. „Sie haben eine Lehre gemacht, aber die Abschlussprüfung müssen Sie noch machen? Dann können Sie sich heute zwar arbeitssuchend melden, aber Arbeitslosengeld bekommen Sie keines! Wann ist die Abschlussprüfung? In vier Monaten? Kommen Sie dann wieder.“ Der junge Mann glaubt noch an das Gute im Beamten und geht friedlich seiner Wege. Nach eingehender Diskussion beschließt man im Familienrat, bei der Arbeitsagentur in B telefonisch nachzufragen, das könne ja nicht sein, und so weiter und so weiter. Die Mitarbeiter in B sind dann auch außerordentlich hilfsbereit. Nach Lage der Dinge müsse der junge Mann bezugsberechtigt sein, er möge doch mal vorbeikommen. Der junge Mann meldet also seinen Hauptwohnsitz in C an, das zum Landkreis B gehört, und fährt zur dortigen Arbeitsagentur. Brav ein Nümmerchen gezogen, um dann nach einigem Warten die Auskunft zu bekommen, dass er in B nur Alg II beantragen könne, also Hartz IV, wegen Alg I müsse er nach D, weil die für C zuständig wären. Er solle gleich vorbeifahren, in D wäre donnerstags bis 18 Uhr geöffnet. Man nennt das heutzutage bei Behörden übrigens Dienstleistungsnachmittag. Geduldig zieht der junge Mann in D angekommen ein Nümmerchen, wartete wieder, um dann zu erfahren, dass am Dienstleistungsnachmittag nur Berufstätige empfangen würden. Das wisse man doch. Punkt. Der junge Mann weiß das nicht, der ist nämlich zum ersten Mal da. Am nächsten Morgen fährt er also wieder nach D, schildert seinen Fall, gibt seine Daten an, nimmt einen Antrag in Empfang und freut sich … zu früh. Denn den Antrag könne man in D nicht bearbeiten, dazu müsse er nach A fahren. Und wenn sie nicht gestorben sind … Vielleicht ist das ja alles Taktik. Wir zermürben die Arbeitslosen, dann geben sie vorher den Löffel ab, bevor der Antrag bearbeitet ist. Oder wir lassen sie so lange den Passierschein A 38 suchen, bis sie sich rettungslos im Labyrinth verlaufen oder von der Brücke gestürzt haben. Oder die Arbeitslosen melden sich freiwillig beim Bund. Man hört läuten, die kriegen dort grad ihre Stuben nicht voll. Dabei hat der Herr Doktor a.D. doch das Haus gut bestellt hinterlassen. Aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema.

Was mich bei der Geschichte jenseits der Absurdität am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie sich ein schwer vermittelbarer Herkules fühlen mag, wenn er ständig solche Prüfungen zu bestehen hat, ohne Aussicht, jemals in den Olymp zu gelangen.

Photo credit cocoate.com @flickr

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